• Michaela Sailer

Darf ich vorstellen: dein Freund, die Krise


Austin Chan on Unsplash

Jetzt ist es genug! Du hast erkannt, du hast ein Problem. Als ob das alleine nicht schon schlimm genug wäre, stellst du auch noch fest, dass du es nicht selbst lösen kannst. Du brauchst also Hilfe dafür – professionelle Hilfe. Du bist entschlossen, möchtest die Dinge endlich angehen und googelst nach einem geeigneten Therapeuten.


Also fasst du dir ein Herz und wählst die Nummer eines Psychotherapeuten in deiner Nähe, der dir – zumindest auf seiner Website – sympathisch erscheint. Du wählst also die Nummer. Es ertönt ein Freizeichen. Eine freundliche Stimme meldet sich am anderen Ende der Leitung. Es gibt zeitnah einen ersten Termin. Puh! Du hattest schließlich vorher schon gehört, dass man teilweise bis zu einem halben Jahr auf einen Termin warten muss – das hätte deine momentane Entschiedenheit auf eine harte Probe gestellt.


Gut, der erste Schritt wäre demnach getan. Die Tage vergehen, der Tag deines Termins ist gekommen. Du gehst zu deinem Erstgespräch. Lernst deinen Therapeuten und seine Praxis kennen.


Alles scheint ganz okay zu sein, bis dir der Therapeut mitteilt, es sei doch gut, dass sich dieses Problem gezeigt hat. Natürlich bist du verwirrt. »Spinnt dieser Therapeut denn jetzt? Wie kann es denn gut sein, ein Problem zu haben?«, fragst du dich.


Nun ja, tatsächlich vertrete ich genau diesen Therapieansatz in meiner Praxis. Ich finde, jede Krise ist eine Möglichkeit, ja die unbedingte Chance, das Jetzt zu verändern. Es ist ein Geschenk erkennen zu können, dass da wohl sonst etwas gehörig schieflaufen würde, wenn alles so bleibt wie bisher.


Wenn ich verstanden habe, dass ein Problem ganz klar eine Herausforderung darstellt, jedoch nur, um mir die Möglichkeit auf ein besseres Leben aufzuzeigen, kann ich aus dem Kreis der Verzweiflung austreten.

Sobald man erkennt, das alles, wogegen man kämpft, einen Krieg, einen Kampf darstellt, muss man sich wohl auf einem Schlachtfeld befinden. Mein Problem fordert mich heraus. Stehe ich dort als Angreifer oder als Verteidiger? Wird mich mein Problem besiegen und in die Knie zwingen? Wird es mich übermächtig vernichten können? Ja, vielleicht wird dies tatsächlich geschehen können. Was auch sonst soll in einem Kampf geschehen? Ich kann gewinnen oder verlieren. Selbst wenn man am Ende den Kampf gegen sein Problem gewonnen haben sollte, man wird geschwächt sein. Auf der Hut sein, dass dies nie nie mehr wieder geschehen darf. Es hat an einem gezehrt. Man hat viel Zeit und Energie aufgebracht.


Wieso tendiert der Mensch – und das scheinbar völlig selbstverständlich – dazu, sich selbst das Leben derart schwer zu machen?


Wenn ich verstanden habe, dass ein Problem ganz klar eine Herausforderung darstellt, jedoch nur, um mir die Möglichkeit auf ein besseres Leben aufzuzeigen, kann ich aus dem Kreis der Verzweiflung austreten.


Wenn ich mein Problem nicht als meinen Feind und Gegner betrachte, mehr als einen wegweisenden Begleiter, schwebt über mir nichts, was mich ständig kleinhält und traurig macht. Eher etwas, das mir sagt: »Hey, schau da mal hin. Verändere etwas!«


Wenn ich mein Problem annehme, es liebevoll und achtsam betrachten kann, bin ich in der Lage Lösungen zu finden. Dies führt vielleicht sogar dazu, dabei Freude zu empfinden, die unterschiedlichen Möglichkeiten auszuloten, die man tatsächlich hat. Sich bewusst für die Richtung zu entscheiden, in die man sich entwickeln möchte. Das Problem wird somit zu einem freundschaftlichen Anstupser, der mich zur Achtsamkeit ermuntert.


Du hast eine Wahl. Immer. Nutze sie …

Klar, den Schritt zur Veränderung sollte ich dann auch gehen. Und ja, es ist tatsächlich gar nicht so schwer, wenn ich mein Problem nicht als einen Feind betrachte. Ist es nicht wirklich ganz wunderbar zu erkennen, dass du – ganz alleine – wirklich völlig frei entscheiden kannst, wie du dein Leben leben möchtest? Du hast eine Wahl. Immer.


Nutze sie …


Filmtipp: Grüne Tomaten

Michaela Sailer

Yogalehrerin (RYT500 · E-RYT200)
Psychotherapeutin (HPG)

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