• Michaela Sailer

Der Tag, an dem keiner zum Yoga kam

Aktualisiert: 6. Okt 2019


follow the light by David Monje

Unser Studio ist klein. Die Teilnehmer haben einen beständigen Anmeldekontakt zu uns. Kurze Nachricht, kurze Rückantwort und der Platz auf der Matte ist meist gesichert. Somit habe ich stets alle Kurse im Blick. So auch das regenerative Yoga, am Mittwoch, den 31. Juli 2019. Der Kurs ist fast ausgebucht.


Es ist 8:55 Uhr. Ich stehe im Yogaraum, um die Teilnehmer in Empfang zu nehmen. Allerdings ist noch keiner da. Sehr ungewöhnlich und ich überprüfe meine Handy auf Nachrichten.


Da stehe ich nun. Alleine, in meinem Yogaraum.

Tatsächlich habe ich welche erhalten. Die Erste lautet: »Ich stehe im Stau!« Die Zweite (es handelt sich um zwei Teilnehmerinnen): »Ups, wir dachten, wir würden diese Woche Freitag kommen, zu spät gesehen, sorry!« Die Dritte entschuldigt sich wegen Husten und die Vierte steht in einem Krankenhaus am Sterbebett meiner Oma. Sie wurde am Morgen dorthin gerufen. Meine Mama.


Da stehe ich nun. Alleine. In meinem Yogaraum. Es ist mittlerweile kurz nach neun Uhr.


Viele Menschen haben gerade viel zu tun, wird mir klar. Meine Oma hat gerade nur eines zu tun – sterben. Vom Leben loslassen. Einschlafen.


Und ich? Was habe ich gerade zu tun? Nun, jetzt natürlich nichts mehr. Mein Yogakurs findet heute ja nicht statt. Ich stehe immer noch hier und immer noch ist keiner da. Haben also fünf Menschen heute gespürt, dass es nicht stimmig ist, zum Yoga zu erscheinen? Kam bei ihnen an, »lass Michaela heute mal in Ruhe, die hat was zu tun!«? Und wenn ja, wer oder was hat dafür gesorgt, dass das ankommt bei den Menschen, so dass es fünf in der Zahl auf einmal wahrnehmen und nicht erscheinen? Keine Ahnung, wer oder was das ist und vielleicht ist es in der Tat der absolut pure Zufall – aber wer weiß das schon …


Ich für meinen Teil habe jetzt 60 Minuten mehr Zeit. Mehr von dem, was meiner Oma verrinnt. Zeit – dieses kostbare Gut, von dem man doch immer behauptet, viel zu wenig zu haben.


Hier stehe ich also mit meiner Zeit. Ich bin fasziniert von dem Spiel der Energien, ich spüre Dankbarkeit und Güte. Dankbarkeit dafür, dass ich heute Vormittag ganz mit mir, meinen Gefühlen und Emotionen sein darf. Güte dafür, dass mich – wer auch immer – schont, während jemand Anderes in seinen letzten Kampf geschickt wird.


Hier und dort. Dieses Etwas, dieser Jemand ist wohl in der Tat überall. Bei mir im Yogaraum, im Krankenhaus bei meiner Mama und meiner Oma, auf den Straßen Nürnbergs und an noch so vielen anderen Orten auf der ganzen Welt. Es ist mächtig! Respekt! Dieses Etwas ist dort, wo, während ich in meinem leeren Yogaraum stehe, Kinder verhungern. Frauen vergewaltigt werden, Männer in den Krieg ziehen. Politiker Durchfall haben, Einer im Lotto gewinnt und ein Anderer erschossen wird.Ich weiss also, meine Oma ist nicht alleine. Das ist gut.


Wir sind alle nur zu Gast auf dieser Erde.

Gestern sagte sie mir: »Ach Michi, wir sind doch alle nur zu Gast hier auf dieser Erde. Ich mag nach Hause, dort ist es halt doch am Schönsten.« Ist deine Zeit als Gast also jetzt vorbei? Dein Zuhause wird nicht mehr deine gewohnte Umgebung sein, aber es wird bestimmt auch ein sehr schöner Ort sein. Wirst du auch dort nur zu Gast sein? Wenn ja, wie lange wirst du dort bleiben und wer schickt dich dann wieder wohin? Der Gleiche, der gerade fünf Menschen vom Yogaunterricht weggelassen hat? Wird dieses jemandliche Etwas dich auch empfangen? Ich habe an diesem Morgen viele Fragen …


Liebe Uri,


wenn es Energien gibt, die mir die Zeit schenken bei dir zu sein, einen Vormittag lang, dann wirst du vielleicht auch in Empfang genommen. Und du wirst vielleicht alte Gesichter wiedersehen. Die deiner Kinder und deiner Ehemänner. Deiner Freunde. Vielleicht bist du ein Teil dieser Energie und flüsterst mir das Geheimnis des Todes mal durch den Hauch des Windes zu – obwohl, Samadhi erreiche ich wohl echt nicht mehr, in diesem Leben! Genieße du, mutig, jetzt erst mal deine Reise. Ich hab meine eigene.


Deine Asche wird zu Erde werden und die Erde zu Wasser und das Wasser fließt vielleicht zu mir zurück und du wirst wieder ein Teil von mir. Ein menschlicher Teil wirst du immer bleiben. In mir, in meinem Herzen.


Sag dem energetischen Gastgeber liebe Grüße von einem Erdling, der so vieles noch nicht ganz versteht.


Ich liebe dich, Uri! Und, ich vermisse dich sehr!


Deine Michi




Filmtip ( Diesen Film habe ich vier Tage vor dem Tod meiner Oma angesehen – Zufall?)


Die Hütte





Michaela Sailer

Yogalehrerin (RYT500 · E-RYT200)
Psychotherapeutin (HPG)

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