Michaela Sailer

Yogalehrerin (RYT200)
Psychotherapeutin (HPG)

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Mehr Sein als Schein

Ist der Yoga auch nur ein Konsumgut?


David Kuba on Unsplash

Als ich diesen Film von Erin Janus sah, kam in mir die Frage auf, ob nicht auch der Yoga in unserer heutigen Zeit als reines Konsumgut gehandelt wird? Die Gesellschaft zwingt sich selbst und den Einzelnen, schneller, höher und weiter zu gehen, als man das vielleicht selbst gerne möchte. Gerne »flüchtet« man sich dann in eine »andere Welt« mit dem Wunsch, hier möge man Ruhe und Frieden vor all dem finden. Aber … tut man das?


Als Frau, glatte, zarte Haut. Ein dünner und wohl faltenfreier Körper. Wallende Locken oder ein akkurater Kurzhaarschnitt. Klamotten: knapp und »sponsored by«. Als Mann, ein gestählter und aalglatter Muskelkörper, übersäht von bunten Tattoos. Dazu die passende Yogamatte. Und natürlich eine stylishe Kulisse. Hippes Yogastudio, abgefuckte City oder idyllischer Strand am anderen Ende der Welt. Eine spektakuläre Yogapose, die jeden Anfänger trocken schlucken lässt.


Auch vor der Yogamatte macht die Selbstdarstellung nicht halt, obwohl man doch gerade hier davor geschützt sein sollte.

Eine künstliche Welt, an der in Yoga-Magazinen, auf Yoga-Plattformen und in den Social Media täglich weitergebaut wird. In Jogginghose und löcherigem T-Shirt auf die Yogamatte? Ungeschminkt? Mit körperlichen Verspannungen gestraft oder als Mann mit einer hartnäckigen Unflexibilität gesegnet?


Ja, stell dir vor, dein Managerposten bringt auf der Yogamatte keinerlei Vorteile und auch dein schickes, teures Auto zählt nicht. Hier sieht man dich nur schwitzen und dabei sollst du auch noch laut atmen – wie unsexy! Da passt es doch an sich schon ganz gut, wenn man sich mit Luft und Liebe dünn gehungert hat, den makellosen Körper den guten Genen oder dem Schönheitschirurgen zu verdanken hat. Ladies, ganz im Vertrauen, falsche Brüste stehen im Savasana wie spitze Berge in die Luft.

Auch vor der Yogamatte macht die Selbstdarstellung nicht halt, obwohl man doch gerade hier davor geschützt sein sollte. Muss ich also mithalten können, wenn sich mein Mattennachbar grazil und leichtfüssig in den Handstand erhebt? Bin ich der Elefant im Porzellanladen, nur weil ich im Chatturanga einfach immer mit dem Bauch auf die Matte plumpse? Muss ich mich winden und falten können wie die Püppchen oder die harten Kerle? Ist das also Yoga?


Eine herz- und leblose Yoga-Praxis verwandelt jede noch so komplizierte Asana in eine plumpe Turnübung.

Fragt man die Selfie-Yogis nach der Philosophie Ihrer Körperkunst, erwischt man sie auf dem falschen Fuss. Die Glieder des achtfachen Pfades? Da muss der Asana-Experte erst mal googlen, weil er bislang zu sehr mit seiner Selbstdarstellung beschäftigt war. Wissen und Erkenntnis lassen sich eben schlecht auf Instagram posten und sind längst nicht so ego-verführerisch wie tausend bunte Bildchen. Mit unspektakulären Posen aus dem unaufgeräumten Wohnzimmer erntet man in der Community keine Klicks. Welche Bedeutung hat denn nun der Yoga in diesem Kreis der Körperkünstler?


Der achtfache Pfad des Ashtanga Yoga fordert dich in aller Stille und Selbstlosigkeit zur Entwicklung deines Wesens auf. Verstehst und lebst du den Yoga in seiner wunderbaren Ganzheit, verlieren die heissen Yogapants des angesagten Labels ihre Anziehungskraft. Bemühst du dich demütig und beharrlich, wird sich dein Leben verändern. Missgunst und Ängste verlieren sich zunehmend, und dürfen sich eines Tages ganz auflösen. Tja, und dann wird sich auch die Asana-Praxis verändern – Körperwahn und Selbstdarstellung werden abgelöst durch Selbstliebe und Selbsterkenntnis. Das eigene Sein wird wichtiger als der Schein.


Die acht Glieder des Ashtanga Yoga sind Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara,

Dharana, Dhyana, Samadhi. So werden sie im Yoga Sutra des Patanjali erstmals erwähnt. Ein empfehlenswerter Kommentar zum Yoga Sutra stammt von Ralph Skuban.


Yama und Niyama enthalten je fünf Verhaltensregeln für den Umgang mit deiner Umwelt sowie mit dir selbst. Erin Janus führt uns in ihrem Video vor Augen, dass wir dringend am dritten und fünften Yama zu arbeiten haben:


Asteya

Asteya steht für Begierdelosigkeit. Begehre nicht maßlos und du wirst an Vertrauen gewinnen.


Aparigraha

Aparigraha steht für Besitzbescheidenheit. Erwarte nichts und du wirst viel erhalten.

Mache dir nichts zu eigen.


Du siehst: die Asana-Praxis ist nur ein Glied von sieben weiteren. Es ist sinnlos, sich dem Konsum und der Selbstdarstellung hinzugeben. Eine herz- und leblose Yoga-Praxis verwandelt jede noch so komplizierte Asana in eine plumpe Turnübung. Und ja, der gewissenhaft beschrittene Yoga-Weg ist kein leichter. Er wird dich immer und immer wieder prüfen und herausfordern. Du wirst dich selbst immer wieder hinterfragen dürfen, nur um festzustellen, dass es kein »ich bin endlich perfekt« gibt. Der Yoga wird dich verändern und mit dir auch alles andere um dich herum. Hier greift die Psychologie der Systemik. Verändert sich nur ein Glied in einem bestehenden System, wird sich das gesamte System verändern. Ist das nicht wunderbar?


Und dazu zwei Songs aus »alten« Zeiten: »Mountains O' Things« und »Why« von Tracy Chapman.